Karl Bredemeyer, 1886 – 1982 Geschäftsmann und Familien-forscher, Poet und Philosoph

Referat am 29. September 2018 auf dem Bredemeier-Treffen auf Hof Frien in Uchte

 

Von Willi Bredemeier

Die Bredemeier-Familienforschung hat eine Menge zustande gebracht. Die Ergebnisse bestehen vor allem um Genealogien, wer also wen heiratete und welche Kinder geboren wurden. Aber wenn wir wissen wollen, wie die Bredemeiers in früheren Generationen gelebt haben und welche Leistungen die einzelnen Bredemeiers im Verlauf ihres Lebens zustande gebracht haben, wird die Quellenlage sehr dünn. Glücklicherweise gibt es Ausnahmen, dann nämlich, wenn die Bredemeiers schriftliche Zeugnisse über sich hinterlassen haben oder wenn sie in ihren Texten auf einzelne Bredemeiers zu sprechen gekommen sind.

 

Ein Bredemeier, den ich Ihnen heute Abend näherbringen möchte, ist Karl Bredemeyer aus Essern, über Jahrzehnte Lederwarenhändler in Nienburg und zugleich Familienforscher, Poet und Philosoph. Seine größte bleibende Leistung besteht darin, die Ergebnisse der Bredemeier-Familienforschung um genealogische und weitere Kenntnisse der Bredemeyer-Sippe rund um Warmsen erweitert zu haben. Aber er interessierte sich genauso dafür, wie es seinerzeit auf den Dörfern zuging, und hat mehreren Bredemeiers ein bleibendes Denkmal gesetzt.

 

Da war beispielsweise Johann Hinrich Bredemeier, geboren 1762. Das war eine Zeit, in der man nach der Polizeiordnung verpflichtet war, sonntags in die Kirche zu gehen und das Arbeiten während der Zeit des Gottesdienstes bestraft wurde. In Lüneburg wurde sogar das Spazierengehen als Laster von den Behörden verfolgt. Von Diepenau bis Hannover benötigten die Kiepenkerle auf ihren Fußmärschen 26 Stunden oder sie kamen nie an, weil sie am Räuberberg bei Neustadt Banditen in die Hände gefallen waren.

 

Johann Hinrich Bredemeier war für die damaligen Verhältnisse ein abweichender Fall, nämlich, und hier zitiere ich Karl Bredemeyer, ein „streitbarer Mann, redegewandt und schlagfertig. Behörden und Ämtern trat er energisch entgegen. Sein Wort war: „Was Recht ist, muss Recht bleiben.“ Durch seine Eigenarten ist er in der näheren und weiteren Umgebung legendär geworden.“

 

An anderer Stelle schreibt Karl über ihn: „Johann Hinrich war für die damalige Zeit gescheit und klug. Er verfasste Schriftstücke für andere Leute. Auch besaß er einige Kenntnisse in der Geodäsie (Landvermessen). Zur Arbeit auf dem Lande war er nicht zu gebrauchen. Wie man im Volksmund sagte, war er „wietlüftig“! Hatte er eine Idee gefasst, so setzte er diese übertrieben ins Werk. So betrieb er die Schafzucht sehr im Großen. Wenn der Schäfer mit seiner Herde zurückkam, bildete diese eine Kette von Vennen Kamp Schröder bis nach dem Felde (1000 m). Von der Schafzucht verfiel er auf Urbarmachung von Ödland. Der Vennen  Tagelöhnern. Er selbst trieb währenddessen brotlose Künste wie Steine sprengen, Stubben roden, Land vermessen und Briefe schreiben. Hatte er dann einen neuen Plan gefasst, war er zu Hause nicht zu halten. Er fing an zu laufen, redete mit sich selbst, vergaß sich soweit, dass er die Leute umlief. Während der Zeit, da die Warmser Mühle gebaut wurde, war er selten zu Hause.“

 

Das hört sich so an, als ob Johann Hinrich, hätte er in einer anderen Zeit unter besseren Bedingungen gelebt, seine brotlosen Künste in Gold hätte verwandeln können, indem er ein erfolgreicher Unternehmer geworden wäre.

 

Karl Bredemeyer wurde 17. Juli 1886 in Essern geboren, eine Gemeinde, die sich lange Zeit in Auseinandersetzungen mit Nachbargemeinden um Weiderechte befand. Sein Interesse an der Familienforschung wurde früh geweckt, was er so schildert: „Sehr oft habe ich mit meinen Eltern, des Öfteren auch mit meinem Vater allein des Sonntags Besuche bei Verwandten gemacht. Dann erzählte er von seinen Eltern und seiner Jugend. Manchmal wurde ihm das Fragen zu viel. So sagte er dann: „Junge, Du kannst der Kuh das Kalb abfragen!“ Dann wurde das Thema gewechselt.“

 

Seiner Mutter, aber auch den Bauern in Essern und dem Zusammenhalt unter ihnen, hat Karl Bredemeyer weitere Denkmale gesetzt. So führte eine Typhus-Epidemie dazu, dass drei erwachsene Glieder der Familie seiner Mutter „innerhalb 3 Monaten zu Grabe getragen wurden. Die Witwe Sophie, geb. Mödeker, blieb mit ihrem 4 Monate alten Säugling allein auf dem Hof Kuhlmann Nr. 6 zurück, durch die Nachtwachen und Aufregungen selbst zum Sterben krank. Die Nachbarn, ja selbst das ganze Dorf, haben sich am Helfen beteiligt. Die Nachbarn versorgten die Insassen des Hofes, Mutter und Kind, mit Nahrungs- und Lebensmitteln. Infolge der Ansteckungsgefahr war der Hof durch einen Strohwisch gekennzeichnet. Er durfte nicht betreten werden. An einem bestimmten Platz wurden die Lebensmittel gelegt. Das Vieh war von den Dorfbewohnern in Pflege genommen, die Ernte und Landarbeiten von Nachbarn und der Gemeinde erledigt. …

 

Und doch, das Leben ging weiter. Die junge Frau mit dem Kind konnte den Hof nicht allein bewirtschaften. Nach knapp einem Jahr, am 24. September 1871, heiratete die Witwe Sophie Schmidt, geb. Mödeker, den Haussohn Friedrich Bredemeier, von dem Hof Wüpken, Hauskämpen Nr. 62. Auf diese Weise ist die Brinksitzerstelle, der Hof Kuhlmann, Essern Nr. 6, mein und meiner Geschwister Geburts- und Elternhaus geworden. Anzunehmen ist, dass die Ehe durch Vermittlung von Verwandten oder Bekannten auf dem damals üblichen Wege zustande gekommen ist. … Friedrich Bredemeier brachte 800 Thaler in den Hof. Damit ist der Hof erst einmal saniert worden.“

 

Karl Bredemeyer schildert sodann das 21-jährige Gastspiel der Bredemeiers auf diesem Hof, bis das älteste Kind aus erster Ehe den Hof übernahm und die Mutter auf das Altenteil musste. Zitat: „Meine Mutter war eine tapfere Frau: nach kurzer Ehe Witwe geworden, innerhalb 3 Monaten 3 Erwachsene zu Grabe getragen; in zweiter Ehe 7 Kinder geboren, 4 davon als Kinder durch den Tod verloren (Diphterie), mit 50 Jahren auf Altenteil angewiesen. Und doch eine Frohnatur.“

 

An anderer Stelle schreibt Karl: „Es war das Los aller nachgeborenen Söhne und Töchter eines Bauern, sich in kleineren und kleinsten, in Brinksitzer-, Neu- und Anbauerstellen oder gar als Häusling, gleich eines Tagelöhners, als Knecht und Magd bei den größeren Bauern zu verdingen; oder sie wanderten in die Stadt als Handwerker, Kaufleute und Lehrer“. Er selbst überlegte, ob er in die USA auswandern sollte, wurde aber von seinem Vater von diesem Vorhaben abgebracht. Aber auch Nienburg, wo er sich 1924 als Inhaber eines Lederwarengeschäftes niederlassen sollte, war von Essern geographisch und kulturell weit weg, und er scheint sein Leben über an Heimweh gelitten haben.

 

Sein Interesse an der Heimatforschung wurde weiter geweckt, als es ihn im ersten Weltkrieg in die Schützengräben bei Verdun verschlug. Später las er Remarque, „Im Westen nichts Neues“, weil dort ein Heinrich Bredemeyer aus Warmsen auftauchte, und bestätigte, dass der Krieg in den Schützengräben so schlimm war wie von Remarque beschrieben. Als er verwundet ins Lazarett kam, wo die Soldaten wie die Fliegen starben, wurde er von einem Pfleger privilegiert behandelt, weil dieser aus der gleichen Ecke kam und das am Namen „Bredemeyer“ erkannt hatte. Das rettete ihm womöglich das Leben.

 

Nach Nienburg zurückgekehrt, wurden Karl Bredemeyer zwei Töchter und ein Sohn geboren. 1942 kam sein Sohn bei einem Flugzeugabsturz im besetzten Griechenland um. Karl Bredemeyer hat auch darunter gelitten, dass er seinen Namen nicht weitergeben konnte. Nachdem er das Geschäft seiner ältesten Tochter übergeben hatte und zum Rentner geworden war, dürfte er seine Zeit vor allem der Bredemeier-Familienforschung gewidmet haben.

 

Die persönlichen und politischen Katastrophen, die er durchleben musste, hatten ihn grundsätzlich skeptisch und zivilisationskritisch werden lassen, so dass aus seiner Sicht die Schicksale über die Menschen kommen und sich kaum von ihnen gestalten lassen. Beispielsweise die Raumfahrt konnte er nur als einen Irrweg sehen. Das Fehlen eines Gegenübers, der mit ihm auf Augenhöhe als Poeten und Philosophen diskutiert hätte, dürfte seine Einsamkeit verstärkt haben.

 

Aber er war auch ein liebevoller, inniger und teilweise fröhlicher Poet, der seine Familie, seine weitere Verwandtschaft und seine Heimat mit Gedichten beschenkte. So schrieb er 1959 zum zehnten Geburtstag seiner Tochter Christa unter anderem:

 

„Wer jede Möglichkeit benutzt,
Um andere zu erfreuen,
Wer immer redlich sich bemüht,
Um Liebe zu erneuern,
Wer keinen Augenblick versäumt,
Ein freundlich Wort zu sagen,
Ein Schicksal mitzutragen,
Dem wird die Welt zu jeder Frist
Im rechten Licht erscheinen.
Der braucht an frühen Gräbern nicht
Verschuldetes beklagen.“

 

Die Sippe der Bredemeiers beschrieb er als Ergebnis seiner Familienforschungen und weiterer Vermutungen so: „Unsere Vorfahren waren … einfache schlichte Männer und Frauen des Volkes, Bauern, Handwerker und Lehrer. Hart haben alle arbeiten und schwere Lasten tragen müssen. Sie wurden heimgesucht durch furchtbare Kriegsjahre, auch vielleicht durch Misswachstum und Teuerung. Vielfach auch wohl bedrückt worden durch Freunde und Feind, aber allen zum Trotz haben sie sich mit dem ganzen Volk in Ehren durchgekämpft. … Unsere Familie braucht sich keiner ihrer Glieder zu schämen, mir ist keiner bekannt. In Fleiß und Strebsamkeit haben sie alle der Familie und sehr oft in führenden Stellen auch in den Gemeinden und im öffentlichen Leben dem ganzen Volk gedient. Mit der Geschichte der Heimat war die Sippe aufs engste verbunden.“

 

Aber Karl Bredemeyer bedauerte auch den Untergang einer bäuerlichen Kultur, die einst von dem Leben in den Städten deutlich unterschieden gewesen ist. So schrieb er: „Der Moloch Industrie frisst den Bauern das Brot. Die Nachkommen „vom Winde verweht“ – ihre Spur findet man nicht mehr.  … Der Bauer, der Erstgeborene, verkauft sein Erbe für ein Linsengericht, für seelenloses Geld, für den Schein. Früher war eine Hufe 30 Morgen eine Nährstelle, heute sind es 80 Morgen, morgen vielleicht 300 und übermorgen die Kolchose. Wer weiß es?“

 

Karl Bredemeyer starb am 17. April 1982. Er wurde fast 96 Jahre alt.

Karl Bredemeyer hat den Warmsener Zweig der Bredemeiers ein halbes Jahrtausend zurückverfolgt und damit ein neues Kapitel der Bredemeier-Forschung eröffnet. Der älteste Bredemeier, den er entdeckte, war Curth up the Brede, einen Vollmeier in Warmsen, der von 1400 – 1460 lebte. Die Bredemeiers auf Hof Bussen im benachbarten Schamerloh hat er von 1472 – 1972 genealogisch rekonstruiert.

 

Dazu schrieb er: „In meiner Genealogie bin ich der Linie meines Urahnen Johann Bredemeyer, Schamerloh Nr. 9 (1470 – 1970) nachgegangen, habe ca. 400 Nachkömmlinge dieses Zweiges namentlich festgehalten, dazu das bäuerliche Brauchtum des Dorfes, z.T. wie mir dieses aus meiner Kindheit bekannt ist, das nachbarliche Verhältnis untereinander und miteinander von der Wiege bis zum Grabe. Dieser Bussen Hof war ein großer Hof. Sehr oft sind mangels harter Thaler den Töchtern Grund und Boden aus Brautschatz mitgegeben worden. Der Kindersegen und der Frauenüberschuss waren zu allen Zeiten groß. Die Legende erzählt, dass die Mädchen begehrt waren. Der Lehrer des Ortes hat sich bemüht, diese unter die Haube zu bringen. Wenn es irgendwo auf einem Hof nicht mehr so recht ging, hieß es: „Dat mot´n Bussen Dirn up´n Hof!“ Und der Hof soll dann wieder flott geworden sein.“

 

Was ließe sich Besseres über eine Sippe sagen, als dass ihre Töchter derart tüchtig und auch begehrt waren!

 

Karl Bredemeyer war lange Zeit überzeugt, dass die Sippe der Bredemeier ihren Ursprung in Warmsen hatte. Er schrieb: „Wenn auch ein hieb- und stichfester Nachweis nicht zu führen ist, so sind doch Anhaltspunkte dafür vorhanden, dass in der Tat die Sippe Bredemeyer ihren Anfang und die Wurzel in Warmsen zu suchen ist. Nur in Warmsen gibt es einen Vollmeierhof.“ Später kam er mit der Familienforschung über die Bredemeiers im Schaumburgischen in Berührung und entdeckte, dass ganz ähnliche Ansprüche vom Bredehof in Rolfshagen erhoben wurden. Von da an war er in seinen Schlussfolgerungen vorsichtiger.

 

Sind die Schaumburgischen Bredemeiers teilweise nach Westen oder die Warmsener Bredemeiers zum Teil nach Osten ausgewandert? Oder entstand der Name „Bredemeier“ unabhängig voneinander an zwei Orten? Hier glauben wir gemeinsam mit Karl Bredemeyer: Es bleibt weiter viel in der Bredemeier-Familienforschung zu tun.